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Gästebuch

Tonero – ein aussichtsloser Fall

oder

wie wir zur Huforthopädie kamen

Tonero

 

Es begann mit dem Kauf von Tonero, einem damals 4 jährigen Vollblüter und zu der Zeit noch aktives Rennpferd. Zum Kauf stand dieses Pferd, weil er dem Stress auf der Rennbahn und dem Wunsch seines damaligen Besitzers nach immer Mehr physisch nicht mehr Stand gehalten hat. Zu diesem Zeitpunkt war er, wie auf der Rennbahn üblich, rundum mit Alu-Renneisen beschlagen. Schon beim ersten Beschlagstermin mit unserem Schmied stellte dieser fest, das dieses Pferd über alles andere als eine gute Hufqualität verfügt. Nachdem wir ihm die Herkunft des Pferdes erzählt hatten, wusste er beim nächsten Termin zu berichten, dass dieses Pferd schon auf der Rennbahn bei den Schmieden verrufen war wegen seiner schlechten Hufe.

Diese schlechte Hornqualität war ihm mütterlicherseits vererbt worden. Sein Halbbruder, heute noch aktives Rennpferd, fiel und fällt wegen Hufprobleme viele Rennen aus. So versuchte dann unser Schmied die Hufe zu korrigieren, ein Beschlag war nur mit den leichtesten Nägeln möglich, da bei allen anderen Nägeln Tonero sofort lahmte. Auch war es für alle selbstverständlich, das er nach jedem Neubeschlag erst einmal ein bis zwei Tage leicht lahmte.

Des weiteren war es für uns nichts besonderes, wenn er sich beim Sprint über die Koppel oder übers Stoppelfeld die Vordereisen mit den Hinterhufe abtrat und dabei immer Stücke aus der Hornkapsel mit wegbrachen. Auch beim Dressurreiten war es keine Seltenheit, dass er sich in etwas engeren Wendungen die Hintereisen regelrecht abdrehte. Um dies zu verhindern, wurde er bis zu letzt hinten mit doppelten Aufzügen beschlagen. Um die Hufqualität zu verbessern, fütterten wir alles mögliche zu, aber geholfen hat im nachhinein eigentlich gar nichts.  Bereits beim Kauf war uns aufgefallen, dass er auf dem linken Vorderhuf wie eine Art Narbe hatte, die sich vom Kronrand bis in die Zehe durchzog. An dieser Stelle war das Horn eben wie bei einer Narbe nach innen weggedrückt. Tierarzt und Schmied führten dies auf eine Verletzung vielleicht schon im Fohlenalter zurück.

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Also schenkten wir dieser Narbe keine grosse Aufmerksamkeit. Bis zu jenem Abend im Dezember 2001. Nach dem Reiten stellten wir fest, dass der Kronrand am linken Vorderhuf blutete. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen. Erst als wir den Huf aufnahmen, öffnete sich ein ca. 0,5 cm breiter Spalt, beginnend am Kronrand bis ungefähr in die Mitte der Hornwand. Sobald der Huf wieder abgestellt war, schloss sich der Spalt wieder.

Da der Spalt im Kronbereich bis auf die Leberhaut reichte, entzündetet sich diese sofort und liess Tonero am nächsten Tag lahmen. Unser Tierarzt versorgte ihn entsprechend, wusste uns in der Behandlung und vor allen der Entstehung dieses untypischen Spaltes aber auch keinen Rat zu geben.

Nachdem die Entzündung abgeklungen war, kam unser Schmied, der nun versuchte diesen Spalt mit den klassischen Spaltbehandlungen in den Griff zu bekommen. Von schwebender Zehe, doppelten Aufzügen, über Polsterbeschlag bis hin zu Klebepads, die den Spalt zusammenhalten sollten und Laserbehandlung, um eine bessere, gesündere Hornproduktion anzuregen,  haben wir fast neun Monate alles versucht, mit dem Ergebnis, dass Tonero immer wieder lahmte, nicht mehr reitbar war und der Schmied dann auch nicht mehr weiter wusste. Kurzum, uns blieb nur noch die Möglichkeit, die Wunderlösung zu finden oder dem Leiden ein Ende zu machen.

Da wir uns mit letzterem nicht abfinden wollten, schließlich war Tonero gerade mal 7 Jahre alt, suchten wir im Internet nach einer bzw. nach „der“ Lösung. So landeten wir auf der Forumsseite der DHG. Dort schilderten wir unseren Fall und erhielten von Jochen Biernat eine umfassende Erläuterung und den Verweis auf eine HO, die in unser PLZ Gebiet fuhr.

Also vereinbarten wir einen Termin mit der HO und unterrichteten den Schmied von unserer Entscheidung. Er prophezeite uns Tonero würde niemals ohne Eisen laufen können, aber wir sollten es gerne probieren und ihn wieder anrufen, wenn er ihn wieder beschlagen sollte. Diesen Anruf haben wir nie getätigt.

Der Huf war zu diesem Zeitpunkt in einem ziemlich schlechten Zustand.

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Nach der Eisenabnahme und der ersten Grundbearbeitung wurde das ganze Ausmass erst richtig sichtbar.

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Im Abstand von ca. 4 Wochen wurden die Hufe ab jetzt von der HO entsprechend bearbeitet. Damit Tonero nicht nur in der Box stehen musste, teilten wir ein Teil der Koppeln ab, so das er mit den anderen zusammen raus konnte, diese ihn aber nicht scheuchen oder jagen konnten.. Er sollte sich soviel oder sowenig bewegen wie er wollte und konnte. Da er über eine massiv dünne Hufsohle verfügt, zogen wir ihm übergrosse Hufschuhe an, die wir zuvor mit Watte entsprechend ausgepolstert hatten. So verhinderten wir auch eine Huflederhautentzündung.

Bereits beim dritten Bearbeitungstermin stellte sich das ein, was bis dahin niemand mehr für möglich gehalten hatte. Die Hornkapsel begann vom Kronrand her geschlossen nach zu wachsen.

                                                         

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Mit jedem Bearbeitungstermin wurden die Hufzustände besser, allerdings forderte es von allen Beteiligten Geduld. Tonero wurde seit Dezember 2001 nicht mehr geritten und war nur auf der Weide oder wurde mit Schuhen spazieren geführt. Auch für einen Vollblüter eine Nervenprobe. Im Mai 2003, also fast 8 Monate nach der  Eisenabnahme waren die Hornwände soweit wieder gesund herunter gewachsen, dass wir ihn anfingen eine halbe Stunde zu longieren, um zu sehen wie er lief.

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Er lahmte nicht mehr und konnte sich mit Hufschuhen problemlos bewegen. So beschlossen wir, ihn ab Juni 2003 -1,5 Jahre nach der Verletzung- wieder langsam zu reiten.

Allerdings gelang es uns nicht, dass der Spalt komplett rauswuchs. Aus irgendeinem Grund riss er immer wieder nach. Ein Grund dafür war die immer noch sehr dünne Hornsubstanz die Tonero hat. Die Hufsohle ist z.B. heute noch so dünn, dass sie mit dem Daumen einfach einzudrücken ist. Nach diversen Beratungen, was die Ursache für das weitere Einreissen sein könnte, entschieden wir uns den Huf röntgen zu lassen, da auch unsere HO der Meinung war, dass vielleicht das Hufbein durch die jahrelange Druckatrophie, die wir als Narbe angesehen hatten, in Mitleidenschaft gezogen war. Und so war es auch. Auf den Röntgenbildern war deutlich zu erkennen, dass die Hufbeinspitze nicht mehr vorhanden war und das ansonsten halbrunde Hufbein im Zehenbereich halbmondförmig deformiert ist.

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Das bedeutet das hier die Hornkapsel versucht,  den entstandenen Hohlraum durch sogenanntes Nothorn auszufüllen. Dieses Nothorn ist aber immer qualitativ viel schlechter als normal produziertes Horn. In der Kombination mit seinem Flachhuf, den stets schrägen Hufwänden, der vererbten schlechten Hornqualität war es harte Arbeit, den Spalt zumindest weiter zu verringern.

Da uns die geleistete Arbeit unserer HO mehr als überzeugte, entschlossen wir uns auch die Ausbildung zum Huforthopäden nach Biernat zu machen. Wir haben dann mit der Zeit Zug um Zug die Pferde in unserem Stall bearbeitet und im ersten Jahr von unseren Kollegen immer wieder kontrollieren lassen. Auch Tonero’s Hufbearbeitung haben wir übernommen. So konnten und können wir jederzeit, auch in kürzeren Abständen, die Hufe immer wieder korrigieren. Dies hat dazu geführt, dass der Spalt heute trotz deformiertem Hufbein und schlechter Hornqualität und Flachhuf fast komplett herausgewachsen ist und Tonero wieder normal reitbar ist.

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Uns hat die Entwicklung von Toneros Hufen zum einen gezeigt, was Huforthopädie mit der nötigen Geduld auch bei zunächst aussichtslosen und austherapierten Hufzuständen bewirken kann und zum anderen dafür gesorgt, dass wir einen Beruf erlernt haben, der dem Wohle der Pferde dient und uns sehr viel Spass macht.

 

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